Integrale Strategie
blickt so flexibel
wie verliebt
in die Zukunft

Mehr
Komplexität
wagen

Bei Christian Kaspar Schwarm geht es um Zukunft. Um die des Unternehmens, in dem Sie arbeiten und das Ihnen vielleicht sogar gehört, um Ihre persönliche Zukunft oder um die unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Der Anspruch: Perspektiven und Chancen entwickeln. Keine üblichen – sondern ungedachte, unerwartete, innovative. Wie das gelingt? Indem man es sich selbst erlaubt.

Ein Gespräch.

Christian Kaspar Schwarm in der LIBRARY, Berlin

Fotos auf dieser Seite: Martin Grothmaak | Titel-Collagen: Haw-lin Services
Christian Kaspar Schwarm in der LIBRARY, Berlin

Fotos auf dieser Seite: Martin Grothmaak | Titel-Collagen: Haw-lin Services

F: Die MIT Review fragte vor einiger Zeit provokant: „Is Thinking a Lost Art at Your Company?“ Haben wir alle das Denken verlernt?

Als Individuen hoffentlich nicht. Auf der kollektiven Ebene allerdings – in einem Unternehmen – ist es in der Tat eine riesige Herausforderung, kreatives strategisches Denken zu installieren, obwohl alle fortlaufend nach Innovationen rufen. In Hunderten von Meetings besprechen wir Dinge, wir planen, organisieren, delegieren, manchmal wird taktiert oder gestritten … aber kaum mehr wirklich gedacht. Damit meine ich jenes schöpferisch-innovierende Denken, das in den meisten Organisationen kulturell nicht mehr vorgesehen ist und auch durch den Einsatz kreativer Gruppenprozesse nicht wirklich wiederbelebt wird. Verständlicherweise suchen wir in der Wirtschaft nach reproduzierbaren und skalierbaren Prozessen. Wir sollten aber verstehen, dass Kreativität und Innovation zunächst die Unkontrollierbarkeit suchen und benötigen. Und in diese Unkontrollierbarkeit können wir uns nur denkend vorwagen. Ohne Regeln, ohne Grenzen, ohne Moderation, ohne Zettelchen und Klebepunkte. Mit meinen Erfahrungen und in unserer Remise biete ich den Resonanzraum für solche Expeditionen und Diskurse. In meiner Arbeit geht es also darum, eine klar definierte Fragestellung mit meinem Gegenüber in einer Tiefe zu durchdenken, für die im hektischen Berufsalltag ansonsten kein Platz mehr ist. Zusammen finden und entwickeln wir die besten Handlungsoptionen. Für die entscheidenden Menschen, für das Unternehmen, für eine Marke.

F: Die Kalender vieler Führungskräfte sind durchgängig im Halb- oder Viertelstundenrhythmus verplant, zur Entwicklung einer neuen Strategie brauchen manche Unternehmen trotzdem Jahre. Ein Paradox?

Eine Strategie, deren Entwicklung Jahre benötigt, wird in den meisten Fällen kaum hilfreich sein. Entweder wird sie veraltet sein – oder aber so pauschal und allgemein gehalten, dass sie keine Strahlkraft und Wirkung entfalten kann. Wenn es um unseren übergeordneten Handlungsrahmen und damit um unsere zukünftigen Entscheidungen geht, müssen wir so zügig wie gründlich vorgehen – so spitz wie ausgeglichen – so flexibel wie fundiert – und so kreativ wie realisierbar. Diese scheinbaren Widersprüche müssen wir heute tatsächlich ertragen und sie als Rohstoff begreifen. Leider passen unsere Unternehmens- und Meetingkulturen noch nicht zu solchen Anforderungen, die eine hyperkomplexe Welt an uns stellt. Ich selbst denke und arbeite als Stratege deshalb heute in „Tagen“ und „Wochen“ – was nicht nur mir ungeheuer gut tut, sondern genauso der Zusammenarbeit mit meinen Kunden und Partnern. Wer von diesen andauernd und gezwungenermaßen „Kalender-Tetris“ spielt, muss sich Zeitinseln und Denk-Oasen erlauben, um nicht vor lauter Fleiß das Ganze und das Große aus den Augen zu verlieren. Sonst wird am Ende noch jener Witz zur Wahrheit, nachdem die größte Herausforderung für viele Unternehmen nicht ist, innovativ zu werden – sondern einen gemeinsamen Termin dafür zu finden.

F: Obwohl Du viel Wert darauf legst, in der Strategieentwicklung modellunabhängig zu arbeiten, nutzt Du in der Analyse ein in Deiner Branche noch nicht sehr verbreitetes Tool.

Allerdings – und zwar Spiral Dynamics. Und es ist viel mehr als nur irgendein weiteres Tool. Es handelt sich um ein Meta-Modell, das meinen eigenen Blick auf die Welt extrem geweitet hat. Diese empirische Theorie geht davon aus, dass es in unserer Geschichte immer dann zu revolutionären Sprüngen in der Weltanschauung der Menschen kam, wenn das vorherige Wertegerüst nicht mehr in der Lage war, auf die wesentlichen Herausforderungen einer bestimmten Zeit adäquat zu reagieren. Ein Beispiel: In Deutschland durchlaufen wir seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren vier typische Stufen von Lebensgefühl, die alle parallel existieren, deren Schwerpunkte sich in der Gesellschaft aber verschieben: Erstens die Genügsamkeit und das Pflichtbewusstsein der Nachkriegszeit. Zweitens der Fortschrittsglaube der Wirtschaftswunderjahre, der nahtlos in die digitale Ära überging und bis heute hochpräsent ist. Drittens das Aufkommen eines globalen Verantwortungsgefühls, das Ende der 60er mit den Studentenrevolten begann, in den 70er und 80er Jahren die Umwelt- und Friedensbewegung trieb und sich aktuell im Kampf gegen den Klimawandel engagiert. Und viertens ein noch junges Wert-Mem, dass neue Lösungen vor allem in der intelligenten Überlagerung und Kombination entdeckt – wir betreten jetzt das transdisziplinäre Zeitalter. Spiral Dynamics macht uns bewusst, dass unser individueller Blick auf die eigene Umwelt von bestimmten Überzeugungen geprägt ist. Ab dem Moment, ab dem wir das erkennen, können wir integral auf das Geschehen blicken und es öffnen sich sofort neue Handlungsräume. Seit bald acht Jahren integriere ich Spiral Dynamics nun auf eine sehr zeitgenössische Weise in die Strategieentwicklung. Im Change-Management und in der Organisationsentwicklung ist das Modell längst etabliert – die Welt der Strategen, die größtenteils rein rational geprägt ist, agiert hier noch ziemlich konservativ.

F: Spiral Dynamics ist ja ein Instrument der sogenannten „Integralen Theorie“, die unter ihrem Dach unterschiedliche Denkschulen vereint …

Spiral Dynamics gilt als ein Schlüsselelement der Integralen Theorie, die unter anderem von Ken Wilber formuliert wurde. Sie führt unser natur-, human- und geisteswissenschaftliches Wissen sinnvoll zusammen – und verbindet es zusätzlich mit alten Weisheitstraditionen und modernen spirituellen Erkenntnissen. Vieles daraus fließt in meine Praxis ein, die zusätzlich von eigenen Erfahrungen und Methoden geprägt ist. Wenn es zum Beispiel um das Denken in Alternativen geht, helfen meine über zwanzig Jahre Erfahrung aus dem Journalismus, aus dem Unternehmertum, aus der Kreativwelt, aus der Kunst und aus der Musik.

F: Was macht die integrale Haltung so zeitgemäß?

Den Begriff ‚integral‘ nutze ich im Sinne von „umfassend, ganzheitlich und ausbalanciert“. Eine integrale Strategie speist sich daher genauso aus Fakten, Daten und Zahlen wie aus unternehmerischer Intuition und Kreativität. Sie berücksichtigt unterschiedliche Sichtweisen und synchronisiert die individuellen Wünsche der handelnden Menschen mit den definierten Zielen ihres Unternehmens. Unterm Strich versucht die integrale Strategiearbeit also gar nicht erst, die Komplexitäten unserer Welt zu minimieren, sondern antizipiert diese von vornherein und mit Freude – um dann innovativ auf diese reagieren zu können. Sie nährt nicht länger die Illusion, dass alle Variablen berechnet und alle Widersprüche aufgelöst werden können. Im Gegenteil: Kontraste, Unschärfen und Vakuen sind ihr wie gesagt sogar Rohmaterial, um daraus neue Lösungen zu bauen. Eine kluge Freundin, von Beruf Psychotherapeutin, sagte vor kurzem: „Ein Gefühl der Sicherheit erlangen wir nicht, indem wir die Unsicherheit verdrängen – sondern erst dann, wenn wir sie voll und ganz akzeptieren.“ In diesem Sinne mehr Komplexität zu wagen, ist in vielerlei Hinsicht ausgesprochen lohnend und zudem rasend spannend.

Individuelles Sparring:
Es ist nicht egal,
mit wem man denkt.

F: Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit bietest Du an? Wie startet ein Projekt?

Wenn es um Strategieentwicklung geht, ziehe ich weder etwas aus Schubladen noch setze ich auf vordefinierte Pakete – tatsächlich verdient jede Aufgabe ihr individuelles Vorgehen, daher gleicht keines meiner Projekte einem anderen. Und dennoch gibt es zwei typische Modelle. Erstens und sozusagen meine Einstiegsdroge: gemeinsame Denktage. Solche Workshops mache ich entweder in einer sehr kleinen Besetzung oder direkt als komplett individuelles Eins-zu-eins-Sparring. Zweitens: die Entwicklung umfassenderer Strategiekonzepte. Inhaltlich ist hier alles möglich – von der Visionsarbeit und der grundlegenden Ausrichtung eines Unternehmens über die Neupositionierung eines Angebots bis hin zu internen Herausforderungen, wie dem Aufbau von Kreativität und Innovationspotenzial. Teil meiner Arbeit sind aber auch persönliche Zukunftsstrategien, beispielsweise für Unternehmerinnen und Unternehmer. Strategie bedeutet für mich, zusammen mit meinen Kunden unerwartet gute Antworten auf ihre schwierigsten Fragen zu finden.

F: Als jemand, der sein Berufsleben als Journalist begann und dann fast zwei Jahrzehnte Agenturchef war, betonst Du oft, welche Bedeutung den richtigen Worten zukommt.

Absolut. Ich habe so oft miterleben müssen, wie besondere Ideen und Konzepte gescheitert sind, weil sie nicht in die richtige Form gebracht und nicht mit den richtigen Worten vermittelt wurden. Gerade wenn es um eine gute Strategie, eine anspruchsvolle Veränderung oder um ein neues Angebot geht, ist eine angemessene und authentische Sprache erfolgsentscheidend. Aus diesem Grund ist das für mich ein inhärenter Teil der Strategiearbeit. Ich unterstütze ausgesprochen gerne auf diesem Spielfeld und bezeichne es als „kreativen Support“. Mir gefällt daran das Bild einer dritten Dimension, die meinen beiden anderen Säulen – den Denktagen und der Strategieentwicklung – eine zusätzliche und vermutlich ungewöhnliche Tiefe verleiht.

F: Muss nach Berlin kommen, wer mit Dir arbeiten möchte?

Eine authentische Begegnung gelingt durchaus über die räumliche Distanz. Deshalb biete ich alle Formen der Zusammenarbeit – also auch meine Workshops und Vorträge – „remote“ an und habe damit speziell in diesem Jahr 2020 nur beste Erfahrungen gemacht. So wichtig, dass wir in Zeiten eines so wilden Wandels handlungsfähig bleiben, und meistens nur eine Frage des richtigen Setups. Hin und wieder reise ich natürlich auch gerne. Abgesehen davon erweist sich meine Bibliothek immer wieder als wundervoller Platz zum Denken. Für mich ist das hier ohne Zweifel ein magischer Ort, in einem schon immer sehr kreativen Berliner Kiez. Hundert Meter von hier wurde im Jahr 1900 der „Klub der Kommenden“ ins Leben gerufen – eine interdisziplinäre Runde von Frauen und Männern aus der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst, der Musik. Vor 120 Jahren!